Leistungssport in Deutschland 2026: Kaderstufen, Stützpunkte, Alltag der Athleten
Sechs Kaderstufen, 13 Olympiastützpunkte mit 17 Standorten, 56 Wochenstunden für Sport und Ausbildung: Dieses Dossier erklärt, wie das deutsche Kadersystem funktioniert, wer die Stufen vergibt, was ein Stützpunkt leistet und wie der Alltag von Kaderathleten in belegten Zahlen aussieht. Living Doc, Stand 11. September 2026.

Stand: 11. September 2026. Leistungssport in Deutschland ist ein Kadersystem: Wer in welcher Stufe steht, entscheidet über Betreuung, Förderung und Förderstellen. Dieses Dossier erklärt die Stufen, die Stützpunkte und den Alltag dahinter, mit Zahlen aus Verbands- und Verbandsnahen Quellen. Es wird fortgeschrieben; das Protokoll steht am Ende. Über Sportpolitik, Verbandsfinanzen und Rankings sagt es nichts.
1. Die Kaderstufen seit 2018
Der Deutsche Olympische Sportbund (DOSB) hat das Kadersystem zum 1. Januar 2018 umgebaut. Die früheren A-, B-, C-, DC- und D-Kader wurden durch eine einheitliche Struktur ersetzt. Der DOSB begründet das mit einem „gezielten Leistungsaufbau vom Nachwuchskader über den Perspektivkader zum Olympiakader“ und mit der Konzentration der Förderung auf die leistungsstärksten Athleten jeder Entwicklungsetappe.
| Stufe | Kürzel | Ebene | Wer hinein kommt (DOSB / LSB Niedersachsen) |
|---|---|---|---|
| Olympiakader | OK | Bund | Medaillen- oder Finalplatzniveau bei OS/WM: Platz 1–8 beim Zielwettkampf, EM Platz 1–3 in Jahren ohne WM/OS, alternativ Weltrangliste Platz 1–10; Vier-Jahres-Perspektive |
| Perspektivkader | PK | Bund | vom Spitzenverband anerkannte Perspektive zum Aufstieg in den OK; Acht-Jahres-Perspektive |
| Ergänzungskader | EK | Bund | Trainings- und Sparringspartner vor allem für den OK, Quereinsteiger, Spätentwickler |
| Teamsportkader | TK | Bund | Nationalmannschaften ohne Olympiaperspektive in den nächsten acht Jahren |
| Nachwuchskader 1 | NK1 | Bund | mittel- bis langfristige Perspektive auf PK oder OK; in Teamsportarten Junioren-Nationalmannschaften |
| Nachwuchskader 2 | NK2 | Land | Übergang vom Landes- zum Bundeskader, bestätigt durch ein Gremium aus Landes- und Bundesnachwuchstrainern; endet mit der Jugend-Altersgrenze |
| Landeskader | LK | Land | von Landesfachverbänden berufen; unterste Stufe der Kaderförderung |
Zwei Regeln bestimmen den Alltag: Die Zugehörigkeit zum Olympiakader muss laut DOSB jedes Jahr neu bestätigt werden; in begründeten Ausnahmen gilt der Status zwei Jahre. Und der Kaderstatus ist laut derselben Definition das Kriterium für die Betreuung an den Olympiastützpunkten und die Förderung durch Sporthilfe, Bundeswehr und Polizei. Wer die Stufe verliert, verliert den Zugang.
2. Die Stützpunkte
Der DOSB führt 13 Olympiastützpunkte (OSP) mit insgesamt 17 Standorten. Ihre Aufgabe beschreibt er in fünf Sätzen: Athleten sollen gesund trainieren und im Verletzungs- oder Krankheitsfall schnell versorgt und wieder in das Training integriert werden; der tägliche Trainingsprozess soll trainingswissenschaftlich begleitet werden; Schule, Ausbildung und Beruf sollen mit dem Sport vereinbar sein; sportpsychologisches Training soll auf die Anforderungen vorbereiten; die Ernährung soll gesund und abwechslungsreich sein. Die OSP arbeiten mit Spitzenverbänden, Landesfachverbänden, Landessportbünden und Vereinen zusammen, mit dem Ziel der Kaderkonzentration.
Wie das vor Ort aussieht, zeigt der OSP Niedersachsen in Hannover, der am 11. September 2026 40 Jahre alt wurde: rund 30 Mitarbeitende in Trainingswissenschaft, Sportpsychologie, Ernährungsberatung, Sportmedizin, Sportphysiotherapie und Laufbahnberatung für etwa 270 Athletinnen und Athleten. Ein Stützpunkt ergänzt sein Netz laufend um externe Partner; der OSP NRW/Westfalen nahm im September 2026 eine sportkardiologische Praxis auf, mit Terminvergabe über die Athletenbetreuung.
3. Wer fördert: die Größenordnungen
Die Zahlen, die Athleten kennen sollten, weil sie an den Kaderstatus gebunden sind (Details im Dossier Duale Karriere):
- Sporthilfe: 759 geförderte Athleten in der Wintersport-Förderperiode 2025/26 (176 Top-Team, 114 Potenzial-Team, 465 Talent-Team, 4 Comeback-/Aufbau-Team); Grundförderung 800 Euro im Top-Team, 700 Euro im Potenzial-Team.
- Bundeswehr: 890 Dienstposten in 14 Sportfördergruppen (Stand März 2025), Zugang nur über den Spitzenverband und den DOSB, Voraussetzung OK, PK oder NK1.
- Bundespolizei: bis zu 160 Athleten an den Sportschulen Kienbaum und Bad Endorf.
4. Der Alltag in Zahlen
Die belastbarste Zahl zum Alltag ist acht Jahre alt: Die Deutsche Sporthochschule Köln befragte im Frühjahr 2018 im Auftrag der Sporthilfe 1.087 Athleten. Ergebnis: 56 Stunden pro Woche, davon 32 für den Sport und 24 für Ausbildung, Studium oder Beruf; im Schnitt neun Trainingseinheiten pro Woche; 127 Reisetage im Jahr; rechnerisch 7,41 Euro Stundenlohn. Eine neuere Erhebung mit dieser Breite liegt nicht vor. Was sich seither geändert hat, sind die Förderbeträge: Die Sporthilfe zahlte 2019 nach eigener Angabe im Schnitt 550 Euro je Athlet, heute liegt die Grundförderung im Top-Team bei 800 Euro. Was gleich geblieben ist, sind die Wege: Farken pendelt zwischen den USA und Leipzig, Agyekum nennt die Anbindung an Trainingslager als Standortvorteil, und Kaul fährt inzwischen häufiger gemeinsam mit ihrem Bruder zu Wettkämpfen, weil das nach ihren Worten entspannter ist.
5. Der Alltag in Beispielen
Was die Statistik nicht zeigt, steht in den Verbandsmeldungen dieses Monats.
Die Gruppe entscheidet. Emil Agyekum (SCC Berlin), deutscher Rekordhalter über 400 Meter Hürden, trainiert am Bundesstützpunkt Frankfurt am Main in der Gruppe von Christian Kupper, zusammen mit U23-Europameister Owe Fischer-Breiholz. Als Gründe für seine Saison nennt er dem DLV das Umfeld, die nahe Physiotherapie und die Anbindung für Trainingslager, dazu die mentale Arbeit.
Die Familie trainiert. Emma Kaul (USC Mainz), mit 20 Jahren Deutsche Meisterin im Siebenkampf, wird von ihren Eltern trainiert, die hauptberuflich im Mainzer Bildungsministerium arbeiten und deshalb nur eine Einheit am Tag begleiten können. Ihr Bruder Niklas Kaul trainiert in derselben Gruppe. Fehlende Wurfeinheiten im Freien sieht sie am Ende in einer Disziplin.
Der Wohnort ist Verhandlungssache. Robert Farken (SG Motor Gohlis-Nord Leipzig), deutscher Rekordhalter über 1.500 Meter, lebt in den USA und reiste 2026 zu den europäischen Wettkämpfen von Leipzig aus an, weil EM und Diamond League in Europa lagen.
Der Kalender ist voll. Farkens Saison 2026: Hallen-WM, EM, Diamond-League-Finale am 5. September, World Ultimate Championships in Budapest Mitte September, Straßenlauf-WM in Kopenhagen eine Woche später. Die Qualifikation für die neuen Formate läuft über Weltranglistenpunkte.
6. Wechsel und Wege
Kaderathleten wechseln Vereine, Trainingsgruppen und Partner. Zwei Zahlen aus dem September 2026: Der Deutsche Ringer-Bund registrierte zum 4. September 449 Vereinswechsel für 2026, davon 162 Zugänge aus dem Ausland. Im Beachvolleyball trennten sich die Olympia-Zweiten Nils Ehlers und Clemens Wickler nach fünf Jahren und starten mit neuen Partnern in die Qualifikation für Los Angeles 2028. Athletenblick zählt solche Vorgänge monatlich im Athleten-Monitor.
7. Regeln, Sperren, Rückkehr
Zum Rahmen gehören Regelwerke und Anti-Doping-Pflichten. Beides ändert sich, ohne dass Athleten gefragt werden. Ein Beispiel aus dem September 2026: Der Deutsche Boxsport-Verband setzt zum 1. November 2026 neue Wettkampfbestimmungen in Kraft, die in drei Jahren neu verfasst wurden; bis zum 31. Oktober gilt das alte Regelwerk, die neue Abkürzung lautet WKB. Sportler, Trainer und Kampfrichter sollen laut Verband über das Inhaltsverzeichnis schneller Antworten finden.
Kaderathleten gehören in der Regel zu einem Testpool der Nationalen Anti Doping Agentur (NADA) und müssen Aufenthaltsangaben und im Krankheitsfall eine Medizinische Ausnahmegenehmigung (TUE) beantragen; die NADA unterscheidet dabei zwischen Testpool- und Nicht-Testpool-Athleten. Eine Sperre bedeutet nicht das Ende: Der Sprinter und Bobanschieber Simon Wulff (TSV Bayer 04 Leverkusen) startete laut DLV am 8. September 2026 in Rovereto zum ersten Mal nach Ablauf seiner 21-monatigen Dopingsperre und gewann den B-Lauf über 100 Meter in 10,14 s. Athletenblick berichtet über Sperren nur nach Entscheidung von NADA, Verband oder Gericht.
Was das für Athleten heißt
Der Kaderstatus ist die Währung des Systems, und sie wird jährlich neu geprägt. Wer weiß, wann sein Verband die Liste beschließt, welche Platzierung für welche Stufe zählt und welche Angebote am Stützpunkt daran hängen, kann sein Jahr planen. Wer es nicht weiß, erfährt es im Zweifel, wenn die Förderung ausbleibt. Die zweite Erkenntnis aus den Beispielen: Umfeld, Gruppe und Wege zur Physiotherapie tauchen in den Verbandstexten öfter auf als Trainingsmethoden.
Kurz gesagt: Sechs Stufen, 13 Stützpunkte, ein Jahresrhythmus, und der Verband hält die Liste.
Dieser Beitrag ersetzt keine medizinische oder trainingswissenschaftliche Beratung.
Quellen
- DOSB: Anpassung der Kaderstrukturen/Kaderdefinitionen im Olympischen Sommer- und Wintersport zum 01.01.2018, 7. Dezember 2017. Tier 1. https://cdn.dosb.de/user_upload/Leistungssport/Dokumente/2017_12-07_Kaderdefinitionen-Olympischer_Sommer-Wintersport-EF_FINAL.pdf
- LandesSportBund Niedersachsen: Zur neuen Kaderstruktur der olympischen Sportarten im Bund und in Niedersachsen, Stand April 2018. Tier 2. https://www.osp-niedersachsen.de/wp-content/uploads/2020/08/Kaderstruktur-Bund-Land-ab-2018.pdf
- DOSB: Olympiastützpunkte, Aufgaben und Struktur, abgerufen 11. September 2026. Tier 1. https://www.dosb.de/leistungssport/olympiastuetzpunkte
- Olympiastützpunkt Niedersachsen: 40 Jahre Spitzensport, 11. September 2026. Tier 2. https://www.osp-niedersachsen.de/meldungen/11-09-2026-40-jahre-spitzensport-wir-feiern-geburtstag/
- Stiftung Deutsche Sporthilfe: Über 1,7 Millionen Euro Sporthilfe-Förderung für deutsche Wintersportlerinnen und -sportler in der Saison 2025/2026, 29. Oktober 2025. Tier 2. https://www.presseportal.de/pm/51413/6147363
- Bundeswehr: Spitzensport, der Sportförderer Bundeswehr, Stand März 2025. Tier 1. https://www.bundeswehr.de/de/selbstverstaendnis/sport-in-der-bundeswehr/spitzensport-der-sportfoerderer-bundeswehr
- Bundespolizei: Den Spitzensport fördern. Tier 1. https://bundespolizei.de/die-bundespolizei/spitzensport/den-spitzensport-foerdern
- DLV, leichtathletik.de: Top-Athleten bleiben oft Geringverdiener, 7,41 Euro Stundenlohn, 11. Januar 2019. Tier 2. https://www.leichtathletik.de/aktuelles/news/news-detail/top-athleten-bleiben-oft-geringverdiener-741-euro-stundenlohn
- DLV, leichtathletik.de: Emil Agyekum, 10. September 2026; Robert Farken, 7. September 2026; Emma Kaul, 4. September 2026. Tier 2. Links im Frontmatter.
- Deutscher Ringer-Bund: Update Vereinswechsel 2026, 5. September 2026. Tier 2. https://www.ringen.de/387-vereinswechsel-zur-saison-2026-jeder-dritte-zugang-kommt-aus-dem-ausland-2/
- Team Deutschland (DOSB): Beachvolleyball, Ehlers/Wickler gehen getrennte Wege, 10. September 2026. Tier 1. https://www.teamdeutschland.de/news/details/beachvolleyball-ehlers-wickler-gehen-getrennte-wege
- Deutscher Boxsport-Verband: Am 1. November treten die neuen Wettkampfbestimmungen des DBV in Kraft, 10. September 2026. Tier 2. https://www.boxverband.de/am-1-november-treten-die-neuen-wettkampfbestimmungen-des-dbv-in-kraft/
- NADA: Im Krankheitsfall, Medizinische Ausnahmegenehmigung (TUE). Tier 1. https://www.nada.de/medizin/im-krankheitsfall-medizinische-ausnahmegenehmigung-tue
- DLV, leichtathletik.de: Flash-News am Mittwoch (Simon Wulff nach Sperre zurück), 9. September 2026. Tier 2. https://www.leichtathletik.de/aktuelles/news/news-detail/82349-flash-news-am-mittwoch
Änderungsprotokoll
- 2026-09-11: Erstfassung. Kaderdefinitionen 2018, 13 OSP mit 17 Standorten, OSP Niedersachsen (270 Athleten), Sporthilfe-Wintersportperiode 2025/26, Bundeswehr März 2025, Bundespolizei, Alltagsstudie 2019, Beispiele aus DLV-Meldungen September 2026, DBV-Wettkampfbestimmungen ab 1. November 2026, NADA-TUE-Regeln, Rückkehr nach Sperre (DLV).